6. Dez. 2018
 
vti: Heimische Textil- und Bekleidungsindustrie benötigt ausländische Arbeits- und Fachkräfte

15. Branchentag in der Lausitz mit Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping / Textilindustrie spürt 2018 rückläufige Nachfrage
Thieme Gruppe: Fachkräftemangel ist gravierend, doch Bürokratie erschwert die Beschäftigung von Ausländern    
Peppermint Gruppe: Nur wer Wandel und Integration gestaltet, ist zukunftsfest aufgestellt! 
Bohemia-Fashion: Tschechischer Konfektionär verstärkte Team mit Indonesiern - Gesetzgebung im Nachbarland wirkt begünstigend

 
In der heimischen Textil- und Bekleidungsindustrie fehlen Arbeits- und Fachkräfte. „Unsere Mitgliedsunternehmen haben uns 150 offene Stellen – insbesondere in den gewerblich-technischen Bereichen – gemeldet. Hinzu kommen allein im laufenden Jahr rund 50 unbesetzte Lehrstellen; eine ähnliche Differenz von Angebot und Nachfrage wie in den Vorjahren.“ Das berichtete vti-Geschäftsführer Dr. Peter Werkstätter auf dem 15. Branchentag in der Lausitz am 5. Dez. 2018 in Bautzen. Die Beratung vereinte mehr als 50 Vertreter aus Textilunternehmen und textilen Bildungs- und Forschungseinrichtungen, darunter eine Abordnung des tschechischen Textilverbandes ATOK, sowie aus Wirtschaft und Politik. Prominente Gastrednerin war Petra Köpping, Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration.

Weiter führte Dr. Peter Werkstätter aus: „Da sich angesichts der demografischen Entwicklung und der Situation auf dem Arbeitsmarkt keine grundlegende Besserung abzeichnet, bemühen wir uns verstärkt um die Gewinnung geeigneter ausländischer Mitarbeiter. Wir hoffen, dass in Deutschland endlich ein Fachkräftezuwanderungsgesetz verabschiedet wird, von dem auch unsere Branche profitieren kann. In diesem Sinne befürworten wir den Sieben-Punkte-Plan der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände vom Juli dieses Jahres. Erfolgversprechende Ansätze gibt es in unserem Industriezweig bereits mit Fachkräften aus Vietnam und Indonesien, die einige Firmen mit Unterstützung des Bildungswerkes der der Sächsischen Wirtschaft rekrutieren konnten. Was die Beschäftigung von Flüchtlingen oder Asylsuchenden betrifft, so mahlen die Mühlen von Gesetzgebung und Bürokratie hierzulande eindeutig zu langsam. Unsere Betriebe benötigen ebenso Planungssicherheit wie die ausbildungswilligen Ausländer. Wer eine dreijährige Berufsausbildung absolviert, muss anschließend zumindest für zwei Jahre das Recht haben, in Deutschland arbeiten und leben zu dürfen. Selbstverständlich bemühen wir uns auch um die Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen sowie um Berufspendler, die aus dem Altbundesgebiet nach Ostdeutschland zurückkehren wollen. Doch damit allein lässt sich unser Arbeits- und Fachkräfteproblem nicht lösen. Momentan kommen höchstens drei bis fünf Prozent aller Beschäftigten in der ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie aus dem Ausland, die Mehrheit davon aus EU-Staaten. Die Firmen wissen, dass der Aufwand in der Ausbildungs- oder Anlernphase jeweils erheblich ist; dennoch unternehmen sie große Anstrengungen, um Beschäftigte zu finden und zu binden.“

Gegenwärtig arbeiten 16.000 Menschen in rund 350 mittelständischen Textil- und Bekleidungsfirmen Ostdeutschlands (davon 12.000 in Sachsen und 2.500 in Thüringen). Sie erwirtschafteten 2017 einen Gesamtumsatz von 1,87 Mrd. EUR; über die Hälfte davon entfiel auf die Technischen Textilien, gefolgt von den Heimtextilien mit rund 30 Prozent und dem Bekleidungssektor mit deutlich weniger als 20 Prozent. Die Branche  entwickelt sich 2018 weniger dynamisch als erwartet. „Vor allem Zulieferer von Technischen Textilien für die Automobilindustrie - doch nicht nur sie - berichten von spürbar rückläufiger Nachfrage. Da diese Entwicklung zumindest mittelfristig anhalten wird, rechnen wir für das laufende Jahr im Vergleich zu 2017 bestenfalls mit einem minimalen Wachstum“, sagte vti-Hauptgeschäftsführer Dr.-Ing. Jenz Otto. Im Vorjahr habe das Umsatzwachstum gegenüber 2016 noch mehr als drei Prozent betragen: „Daher waren wir mit berechtigtem Optimismus in das Jahr 2018 gestartet. Per Ende September registrierten wir allerdings ein Minus von 0,3 Prozent. Diese Tendenz dürfte anhalten.“

Die Textilregion Sachsen-Thüringen gehört neben Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern zu den vier großen Branchen-Clustern in Deutschland. Sie verfügt über moderne Spinnereien, Webereien, Strickereien, Wirkereien, Vliesstoffhersteller, Stickereien, Veredelungsbetriebe und Konfektionäre sowie über leistungsfähige Forschungs- und Bildungseinrichtungen.  In der Lausitz, im Dreieck zwischen Guben, Pulsnitz und Zittau, existieren 62 kleine und mittelständische Textil- und Bekleidungsfirmen mit rund 3.500 Beschäftigten.  Sie erwirtschafteten 2017 einen Umsatz von rund 300 Mio. EUR. Die Lausitzer Unternehmen produzieren u. a. feine Damaste, hochwertige Frottierwaren, traditionelle Leinengewebe, technische Gurte und Bänder, „intelligente“ Etiketten (Smart Labels), Stoffe für Schutzbekleidungen, Schuhe und Markisen, modische Bodywear, seltene Naturgarne sowie Hygiene- und Bautextilien.    
 

Thieme Gruppe: Fachkräftemangel ist gravierend, doch Bürokratie erschwert die Beschäftigung von Ausländern    
 

Der Oberlausitzer Unternehmer Richard Thieme gründete 1911 in Pulsnitz eine Bandweberei. Das heute im benachbarten Großröhrsdorf ansässige Unternehmen durchlebte eine wechselvolle Geschichte. Mittlerweile führt Andreas Thieme, Urenkel des Gründers, die Geschäfte der aus zwei Firmen bestehenden Thieme-Gruppe, die mit 48 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von rund 5 Mio. EUR erwirtschaftet: Die Thieme Fashion GmbH produziert und vertreibt im eigenen Haus entworfene modische Bodywear für Damen, Herren und Kinder. Dank höchster Qualität hinsichtlich Materialeinsatz, Verarbeitung und Tragekomfort konnte sich die Marke „THIEME … feel it“ in einem hart umkämpften Markt behaupten, auf dem nur noch wenige originär deutsche Hersteller agieren.

Die E. Richard Thieme GmbH ist spezialisiert auf die Verarbeitung bzw. Konfektionierung von Technischen Textilien und anderen flexiblen Materialien. Bekanntestes Erzeugnis sind die zertifizierten Chemikalienschutzanzüge (CSA) aus besonders beschichtetem Vautex-Material, die für ganz unterschiedliche Anwender produziert werden (z. B. für Feuerwehr, THW und Katastrophenschutz, für die Erdöl-, Erdgas- und Chemieindustrie sowie für Abwasserwirtschaft, Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie).  „In den vergangenen beiden Jahren haben wir nahezu 1 Million Euro in den Umbau einer Werkhalle und in moderne Anlagentechnik investiert, damit wir Produktionsabläufe optimieren und zugleich langfristig Arbeitsplätze sichern können“, berichtet Andreas Thieme. 

Wie er weiter erläutert, findet er in seiner Heimatregion nur schwer Personal für die Produktion: „Der Fachkräftemangel ist gravierend. Deshalb sind wir sehr froh, dass wir einige polnische Näherinnen gewinnen konnten. Außerdem haben wir zwei junge Männer aus dem arabischen Raum in Näherei und Zuschnitt eingearbeitet. Sie sind gut motiviert, von den Kollegen anerkannt und beleben den Alltag bei uns. Allerdings haben sie noch immer keine Aufenthaltserlaubnis, obwohl sie alle nötigen Dokumente vorweisen können und mit ihren Familien in der Nähe der Arbeitsstelle wohnen. Außerdem macht ihnen wie uns die Bürokratie das Leben schwer. Häufig müssen diese beiden Mitarbeiter unterschiedliche Ämter an unterschiedlichen Orten aufsuchen; unlängst beispielsweise in Dresden, nur um dort auf der Ausländerbehörde ein Papier abzugeben. Es wird Zeit, dass die Politik endlich aufwacht, reagiert und Prozesse vereinfacht!“

www.thieme-waesche.de        www.thieme-textiles.com

Pressekontakt: Andreas Thieme, THIEME Gruppe, Tel. 035952-3530      E-Mail:  thieme@thieme-gmbh.com

 
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Peppermint Gruppe: Nur wer Wandel und Integration gestaltet, ist zukunftsfest aufgestellt! 
 

Nur wer jetzt auf Vielfalt und Integration in seinem Unternehmen setzt, wird den demografischen Wandel gestalten und für die Zukunft gut aufgestellt sein. Diese Überzeugung leitet die in Sachsen ansässigen Textilunternehmen Ertex Jacquard in Rodewisch und Zwickauer Kammgarn GmbH in Wilkau-Haßlau. Beide Unternehmen gehören zur Peppermint Gruppe. Personalchef Tino Vordank sagte auf dem 15. Branchentag der Lausitzer Textil- und Bekleidungsindustrie: “Wir sind eine global agierende Branche. Rund 44 Prozent erwirtschaftet die deutsche Textilindustrie im Export. Wenn wir die Herstellung hoch qualitativer und innovativer Textilien in Deutschland aufrechterhalten wollen, müssen wir uns verstärkt um Arbeitskräfte bemühen. Deshalb bilden wir bei Peppermint auch in diesem Jahr 19 junge Menschen aus sieben Ländern aus, darunter auch Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan.“
 
Die diesjährige Ausbildungsoffensive der Peppermint-Gruppe ist bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Unternehmens auf eine sehr positive Resonanz gestoßen. Die ausländischen Jugendlichen erfahren eine große Solidarität und Hilfsbereitschaft. Wie Tino Vordank schilderte, unterstützt das Unternehmen sowohl in ganz praktischen Fragen, wie Wohnungssuche und Arbeitsweg. Nach den bisherigen Erfahrungen sind für die Auszubildenden mit ausländischen Wurzeln die größten Hürden die Sprachkenntnisse sowie noch fehlendes fachliches Wissen. Hier, so Vordank, brauche es einen ganz besonderen Einsatz von beiden Seiten, der mit Engagement und gutem Willen aber zu guten Ergebnissen führe.

Die Peppermint-Gruppe ist der Überzeugung, mit solchen Initiativen den richtigen Weg zu gehen. Der Fachkräftemangel sei in vielen Regionen Deutschlands längst schon ein Arbeitskräftemangel auf breiter Front, so Vordank, dem es ganz praktisch zu begegnen gelte. Am Wichtigsten sei hierbei der Abbau bürokratischer Hürden, die viele Unternehmen abschrecke, mehr ausländische Jugendliche auszubilden und ausländische Fachkräfte anzuwerben. Nicht nur Leistung müsse sich lohnen, sondern auch der Einsatz von Unternehmen um Integration und Ausbildung. Neben mehr gesellschaftlicher Anerkennung seien auch staatliche Unterstützungsprogramme und eine Entlastungen der Unternehmen wünschenswert. 

Die von den geschäftsführenden Gesellschaftern Ingeborg Neumann und Marcus Baumbach geleitete Industriegruppe peppermint mit Sitz in Berlin wurde 1997 gegründet. Ingeborg Neumann engagiert sich außerdem ehrenamtlich als Präsidentin des Gesamtverbandes textil+mode für die Branche. Die Peppermint Gruppe entwickelt innovative Textilien in jeder Stufe der Wertschöpfungskette und erwirtschaftet mit über 600 Mitarbeitern an sechs Standorten in Europa, davon vier in Deutschland, einen weltweiten Jahresumsatz von ca. 90 Mio. Euro.    www.peppermint.biz


Presse-Kontakt: Tino Vordank, Peppermint Holding, Tel.  0172 3994741    E-Mail: t.vordank@peppermint.biz
 

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Bohemia-Fashion: Tschechischer Konfektionär verstärkte Team mit Indonesiern - Gesetzgebung im Nachbarland wirkt begünstigend


Der deutsche Textilingenieur Uwe Kruschwitz gründete 1994 in Tschechien einen Konfektionsbetrieb mit Sitz in Nový Bor – knapp 30 Autominuten von der Grenze zu Sachsen entfernt. Die Bohemia-Fashion s.r.o. ist einziges ausländisches Mitglied im vti. Zahlreiche Auftraggeber kommen aus Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen. Sie wissen einen zuverlässigen Lohnkonfektionär in ihrer Nähe zu schätzen, da es in Deutschland derartige Firmen de facto nicht mehr gibt. „Wir fertigen in hoher Qualität Kinder-, Damen- und Herrenoberbekleidung sowie Bekleidung für Behörden, Bundespolizei, Polizei, Armee und Feuerwehr der Bundesrepublik sowie anderer europäischer Länder“, berichtet der Geschäftsführer. „Bis vor zirka zehn Jahren gab es kaum Probleme, geeignete Arbeitskräfte zu finden. Doch die Situation hat sich wegen der demografischen Entwicklung und der allgemein guten Konjunkturlage in Tschechien grundlegend verändert. Ich musste mich deshalb im Ausland umsehen.“  Uwe Kruschwitz nutzte Anfang 2017 eine vom vti organisierte Unternehmerreise nach Asien und knüpfte dort entsprechende Kontakte. Seit Anfang August 2018 arbeiten eine Frau und drei Männer aus Indonesien in der Näherei von Bohemia-Fashion.

„Die Gesetzgebung in der Tschechischen Republik ermöglicht die Beschäftigung von Ausländern, wenn die Arbeitsplätze nicht mit einheimischen Bewerbern besetzt werden können“, erläutert der Textilunternehmer. „Es ist Vorschrift, die Stellen öffentlich - per Aushang im Arbeitsamt sowie im Internet - anzubieten. Melden sich nach der festgesetzten Frist keine einheimischen Interessenten, dürfen Ausländer eingestellt werden. Diese  erhalten dann eine Aufenthaltsgenehmigung.  Wir waren seinerzeit die erste Firma in Tschechien, die Indonesier beschäftigen wollte. Sowohl die indonesischen als auch die tschechischen Behörden haben alles sehr gründlich geprüft. Unsere Indonesier haben nun die Gewissheit, dass sie vorerst zwei Jahre lang bei uns arbeiten und Geld verdienen können. In ihrer Heimat hatten alle vier das Abitur und einen entsprechenden Berufsabschluss abgelegt, sahen dort aber keine berufliche Perspektive. Wir sind froh, dass wir sie in unserer Näherei haben. Mit ihrer freundlichen und zurückhaltenden Art fügen sie sich gut in das Team ein; sie lernen auch schon fleißig Tschechisch. Nach diesen guten Erfahrungen planen wir für die Zukunft, weitere Mitarbeiter aus Indonesien zu beschäftigen. Dabei hoffen wir auf eine schnellere Bearbeitung der Dinge seitens der Behörden.“  

Die gegenwärtig 35 qualifizierten Bekleidungstechniker(innen) von Bohemia-Fashion müssen modernste Nähtechnik, darunter Spezialnähmaschinen für besondere Anforderungen, beherrschen. Dank der Kooperation mit tschechischen Partnerfirmen können die Kleidungsstücke auch bestickt oder bedruckt werden. Ein An- bzw. Auslieferungslager befindet sich in Grenznähe auf deutscher Seite, so dass Logistikdienstleister die Waren schnell und effektiv transportieren können.

Presse-Kontakt: Uwe Kruschwitz, Tel. 00420 602474753   E-Mail: bohemia.fashion@ioo.cz

 

 

Hightech & Tradition

Die Textil- und Modeindustrie der neuen Bundesländer ist eine weltweit bekannte Hightech-Branche mit großer Tradition. Insbesondere die Textilhersteller in Sachsen und Thüringen gehörten zu den Wegbereitern der industriellen Revolution in Deutschland.

 

Das Verbandsgebiet des vti gehört zu den wenigen europäischen Regionen mit einer geschlossenen textilen Kette. Sie umfasst Spinnereien, Webereien, Vliesstoffproduzenten, Veredler, Strickereien, Strumpfwirkereien, Hersteller von Heim- und Haustextilien, Designer & Konfektionäre für Schutzbekleidung und Mode sowie Produzenten technischer Textilien.

 

Insgesamt sind 16.000 Menschen in der mittelständisch geprägten Branche tätig, davon 12.000 in Sachsen und 2.500 in Thüringen. Mehr als 50 Prozent des Produktionsvolumens entfallen auf Technische Textilien, rund 30 Prozent auf Heimtextilien sowie knapp 20 Prozent auf Mode und Bekleidung.


© 2019 vti e.V. Chemnitz